Caylus

 


Die Rezension erscheint in der August/September 2006-Ausgabe des Magazins Gelegenheitsspieler. Laden Sie die aktuelle Ausgabe jetzt direkt kostenlos herunter.

Rezension von Christian Krause

Verlag: Ystari / Huch and Friends
Autoren: William Attia
Spieler: 2-5
Ab 12 Jahren
Spieldauer: ca. 60-150 Minuten
Preis: ca. 30 Euro
Erscheinungsjahr: 2006

Caylus eilt der Ruf voraus, der diesjährige Preisträger des deutschen Spielepreises zu werden. Nachdem selbst die "Spiel des Jahres"-Jury Caylus mit einem Sonderpreis bedachte, wurden auch wir neugierig. Was ist dran am Trubel um Caylus?

Rohstoffe und Bautätigkeiten
Ein bisschen Siedler, ein Schuss Puerto Rico, dazu die Abwesenheit von Glückselementen – das sind die Zutaten, aus denen dieses Aufbaustrategiespiel besteht. In Caylus versuchen die Spieler, eine mittelalterliche Stadt zu errichten. Entlang einer langen Straße werden Gebäude gebaut und Rohstoffe produziert. Über der Stadt thront das Schloss des Königs. Dieses soll im Verlauf des Spiels fertig gestellt werden. Für einzelne Bautätigkeiten, seien es Häuser oder Teile des Schlosses, gibt es schließlich Siegpunkte.

Jeder Spieldurchgang gliedert sich (sehr grob) in drei Phasen: Einsetzen eigener Arbeiter, Aktivieren von Gebäuden und Schlossbau. Dabei verteilen die Spieler reihum zuerst Ihre Arbeiter auf bestehende Gebäude. Wer ein Haus besetzt hat, zahlt dafür einen Obolus in die Kasse und darf die Spezialität des Gebäudes nutzen. Die eigenen Arbeiter produzieren auf diese Weise Rohstoffe, tauschen diese ein oder errichten neue Gebäude. Mit den erwirtschafteten Rohstoffen kann später am Schloss gebaut werden. Hier winken Belohnungen für die fleißigsten Baumeister.

Hohe Einstiegshürde
In diesen groben Zügen klingt das Spiel zunächst nicht sonderlich kompliziert. Wirft man einen Blick in die Anleitung, wird diese Hoffnung jedoch schnell zunichte gemacht. Auf sechs unangenehmen klein bedruckten Din A4-Seiten werden die einzelnen Spielphasen und ihre Details reichlich technisch abgehandelt. Beim Lesen fehlt leider oft der Zusammenhang, da einige Elemente von anderen (später erklärten) abhängig sind. Liest man die Regel nach der ersten Partie erneut, wird vieles klar, aber der Einstieg fällt definitiv schwer. Allein drei Reihenfolgen-Anzeiger stellt Caylus bereit: Wer ist als erster dran, wer hat als erster gepasst und wer baut als erster am Schloss? Diese Reihenfolgen ändern sich während des Spiels, auch die Spielerreihenfolge ist nicht fixiert, was freilich strategische Möglichkeiten, aber auch Unübersichtlichkeit ins Spiel bringt. So muss man zuerst ein paar ungewöhnliche Mechaniken erlernen, bevor das Spiel flüssig von der Hand geht. Auch die Benennung der Figuren ist nicht unbedingt hilfreich. Da wird ein Seneschall in Form einer dicken Holzscheibe übers Feld gezogen, aber eigentlich ist es nur ein Rundenanzeiger. Dass Siegpunkte bei Caylus „Prestigepunkte„ heißen, fällt da auch nicht mehr ins Gewicht. Spielplan und -plättchen sind verständlich illustriert, wenn man einmal begriffen hat, was die vielen unterschiedlichen Symbole bedeuten. Die durchgängige Verwendung der gleichen Bilder erleichtert dann aber den Spielverlauf. Leider weist die Regel einen unschöne Lapsus auf: Die Goldmine wird komplett ignoriert. Ihre Funktionsweise muss man sich erschließen. Das Gebäude taucht weder in der Übersicht noch im Fließtext auf. Die Funktionsweisen der einzelnen Gebäude sind ebenfalls ein Brocken beim Einstieg in Caylus. Zu wissen, welches Gebäude welche Vorteile unter welchen Bedingungen bringt, erfordert auf alle Fälle mehr als ein Spiel. Genau hier kann aber auch der Reiz von Caylus liegen, denn es gibt viel zu Entdecken: Unzählige Abhängigkeiten der Elemente voneinander lassen die verschiedensten Strategien zu. Ähnlich wie bei Puerto Rico definiert man hauptsächlich mit den Gebäuden, die man baut oder nutzt, die eigene Strategie.

Im Unterschied zu Puerto Rico besitzt Caylus jedoch mehr aggressive Elemente. Da lassen sich Rohstoffproduzenten vor fremder Nase wegschnappen, Preise hochtreiben und fremde Gebäude lahmlegen. Bei Caylus bauen alle an der selben Stadt, da sind Reibereien an der Tagesordnung. Auch ein Bündnis mit anderen Spielern ist möglich, um beispielsweise den Führenden einzuholen. Derlei Absprachen erlaubt die Regel ausdrücklich. Seltsam ist nur, dass – laut Regel – kein Spieler an sein Wort gebunden ist. Hier sollte sich jede Spielrunde vorher einigen, wie man miteinander umgehen möchte. Für genügend Spannung und Interaktion ist somit gesorgt.

Zum Einstieg empfiehlt sich die in der Regel angegebene „vereinfachte Variante„, bei der Belohnungen für Fortschritte bereits festgelegt sind. Diese Vereinfachung tut dem Spiel in den ersten Partien sehr gut, hat man doch schon genug zu tun, den Überblick über den Fortgang der Bautätigkeiten zu behalten. Hat man sich an die Gebäude und die Zugmöglichkeiten gewöhnt, kommt durch das komplexe Belohnungssystem noch eine strategische Komponente hinzu, da sich so neue Rohstoff- und Gebäudequellen ergeben.
(ctk)

Fazit

In Caylus schlummert viel Potenzial. Das Spiel lädt zu umfangreichen Experimenten mit den Spielelementen ein. Die Entdeckung immer neuer Möglichkeiten zählt sicherlich zu den Stärken dieses Spiels. Probleme bereitet vor allem der Einstieg: Die Regel ist wenig einladend, es fehlt vor allem eine kurze Übersicht über die Funktionen der einzelnen Gebäude. Zwar sind alle Gebäudeplättchen in der Anleitung großformatig abgebildet, über die Funktionen schweigt sich die Tabelle jedoch aus. Die muss man aus dem spröden Fließtext herauspicken. Hat man einmal die Mechanismen durchschaut, wird man mit einem sehr vielschichtigen Aufbauspiel ohne jeden Glücksfaktor und einigem Ärgerpotenzial belohnt. Dabei wirkt das Spiel allerdings merkwürdig unrund. Zu viele kleine Aktionen, die nacheinander ausgeführt werden müssen, lassen kein wirklich flüssiges Spiel aufkommen. Das oft zu Vergleichen herangezogene Puerto Rico spielt sich da deutlich flotter. Dort beschränkt man sich zwar stets auf eine einzige Zugmöglichkeit – die Auswahl einer Rolle – wird jedoch auch nicht ständig von einer Aktion zur nächsten getrieben. Bei Caylus wird erst eingesetzt, dann versetzt, dann aktiviert, gebaut, ausgeschüttet, gebaut und wieder ausgeschüttet. Das geht mit der Zeit technisch gesehen zwar flüssig von der Hand, fühlt sich aber stets ein wenig holprig an.
An der Frage, ob tausend Zugmöglichkeiten denn auch tausendfachen Spaß bringen, scheiden sich die Geister. Für Vielspieler und Hobbystrategen bietet Caylus immensen Platz zum Austoben. Seltenspieler sollten sich am besten von einem erfahrenen Spieler einweihen lassen. Das Spiel selbst zu erarbeiten, kann ernsthaft in Arbeit ausarten. Lohnenswert, wenn man durchhält, aber der Weg dahin ist steinig.
Allerdings: Hat man Caylus einmal durchblickt, ist es gar nicht mehr so schwierig. Und weil man sich so angestrengt hat, bleibt das Spiel auch im Gedächtnis haften. Der Wiedereinstieg ist dann ein Kinderspiel. Caylus selbst beileibe nicht.

Wertung

Gesamterwertung: 2+ (gut)
Gelegenheitsspielertauglichkeit: 4- (ausreichend)