Millionen von Schwalben

 


Die Rezension ist erschienen in der November/Dezember 2006-Ausgabe des Magazins Gelegenheitsspieler. Laden Sie die aktuelle Ausgabe jetzt direkt kostenlos herunter.

Autor: Urs Hostettler
Verlag: Fata Morgana
Spielerzahl: 3 bis 6
Alter: ab 10 Jahre
Preis: ca. 25 Euro
Erscheinungsjahr: 2006

Ein Fußballbrettspiel – welch originelle Idee?
Dass 2005 das Jahr der Suddoku-Spiele sein würde, war überraschend. Dass 2006 die Fußballspiele dominieren würde, war vorhersehbar. Wie schade nur, dass sich eine so auf Kampfkraft, Schnelligkeit und Geschicklichkeit ausgelegte Sportart wie Fußball so gar nicht als Brettspiel eignet. Bezeichnend, dass die Betitelung eines Fußballspiels als „Rasenschach„ eine der übelsten Abstrafungen für ein ganz und gar unansehnliches Spiel ist, das sich einzig als Trainerlehrvideo eignet.

Urs Hostettler hat sich dennoch daran gemacht, das Spiel um das runde Leder in die eckige Schachtel zu pressen. Und, soweit sei schon etwas verraten, das ist ihm sogar ganz ordentlich gelungen. Dies liegt vor allem an einem: Millionen von Schwalben nimmt das Kicken nicht ganz so ernst, wie es tausende von Funktionären gerne hätten. Man kann sogar dann als Sieger vom Platz gehen, wenn die eigenen Mannschaften den Grottenkick perfektioniert haben.

Hoyzer...Hoyzer...Hoyzer...
Wie bei jeder guten WM, steht vor dem Anpfiff die Verteilung der Mannschaften und die Auslosung der Gruppen. Je nach Spielerzahl ist jeder für mehrere Länder verantwortlich, die unterschiedliche Stärken und Schwächen haben.
Den Grundstein zu Sieg oder Niederlage legt jeder Spieler jedoch schon, bevor der erste virtuelle Ball rollt. Dann wird gewettet, welche Mannschaft die Gruppenphase übersteht und welche es sogar ins Finale und zum Gewinn des Cups schafft. Die hier winkenden Wettgewinne sind deutlich höher, als die Prämien für das Weiterkommen bei der Meisterschaft. So ist es eine mögliche Strategie, auch auf gegnerische Mannschaften zu setzen und diese durch taktische Niederlagen weiterzubringen.
Danach geht es in die Gruppenphase. 24 Spiele gilt es hier abzuleisten. Angriffskarten und Defensivkarten können wechselseitig gelegt werden. Von „hundertprozentigen„ Chancen bis zum bösen Foul und der Abseitsfalle ist alles dabei. Doch stets entscheidet zusätzlich der Würfel, ob ein Foul auch greift oder ein Torschuss gelingt. Und schließlich muss noch die Torwartkarte überwunden werden.
Aber erst der Schiedsrichter bringt die richtige Würze ins Spiel. Er kann bei knappen Entscheidungen nach eigenem Gutdünken eine Mannschaft bevor- oder benachteiligen. Gerade bei Schwalben und Fouls an der Strafraumgrenze schlägt die Stunde des Schiris und weckt den Hoyzer in ihm. Er hat sogar das Recht, einmal im Turnier völlig aus der Luft gegriffen einen Elfmeter zu pfeifen. Bestechungsgelder im Vorfeld einer Partie sind ggf. entscheidungslenkend.
Nach der Gruppenphase beginnt der KO-System – inklusive 11-Meter Schießen bei Gleichstand nach Verlängerung. Und steht der Weltmeister fest, kommt die Abrechnung

Aber nicht gegen Deutschland...
Wie bei der echten WM gibt es Favoriten und Außenseiter. Dies schlägt sich insbesondere in der Anzahl und Zusammensetzung der Karten wieder. Länder wie Brasilien haben weit mehr Potential als die Schweiz und Elfenbeinküste. Treffen derartige Mannschaften insbesondere im späteren Verlauf des Turniers aufeinander, steht das Ergebnis aber längst nicht fest. Geschicktes Kartenlegen und etwas Würfelglück kann durchaus überraschende Außenseitersiege hervorbringen. Dies gilt erst recht, wenn man den Schiedsrichter auf seine Seite gezogen hat. Wer zu früh zu viele Karten verbraucht, hat vor allem gegen Ende kaum noch Chancen. Daher muss geschickte Mangelverwaltung betrieben und vielleicht auch einmal eine taktische Niederlage hingenommen werden, um die Mannschaft zu schonen. Dies gilt natürlich erst recht, wenn man auf die Gegner gewettet hat.
Eine Sonderstellung nimmt die Deutsche Nationalmannschaft ein. Neben anderen kleinen Vorteilen gilt, wer zum Nachteil von Deutschland pfeift, der war zum letzten Mal im schwarzen Dress für dieses Turnier.

Fazit

„Millionen von Schwalben„ ist sicherlich vor allem etwas für Fußballfans, die gerne jede Partie einer Meisterschaft auskosten. Schon das Spiel mit 16 Teams nimmt mehrere Stunden in Anspruch. Dadurch, dass man auch auf generische Mannschaften wetten kann und erst recht durch den Wechsel der Schiedsrichterrolle muss die Zeit zwischen den eigenen Partien nicht langweilig werden. Bei den Spielen kommt tatsächlich so etwas wie Fußballfieber auf. Die einzelnen Karten können sehr interessante Konstellationen hervorbringen. Was jedoch in den ersten ein bis zwei Stunden Spaß macht, wird zum Ende hin etwas zäh. Jedoch sind dann Spiele meist kürzer, da weniger Karten im Spiel sind.
Da die Würfelbedeutungen zunächst etwas verwirrend sind, sollte man 30 bis 45 Minuten zum Erarbeiten des Spiels einplanen. Sind die Mechanismen jedoch einmal erkannt, geht der Rest flott von der Hand.
„Millionen von Schwalben„ ist eine der stimmungsvollsten und witzigsten Gesellschaftsspielumsetzungen des Themas Fußball. Trotz (oder vielleicht auch gerade wegen) der vielen ironischen Untertöne ist es jedoch nur etwas für Fußballfans.

Wertung

Gesamtwertung: empfehlenswert (für Fußballfans) (Andere: geht so)

Einstiegshürde:mittel (in dreißig Minuten erfasst)
Preis/Leistungs-Verhältnis: mittel

Vergleichbare Spiele: Fußball-Ligretto, Die wilden Fußballkerle Kartenspiel